Mittwoch, 13. April 2011

Amerikanische Sportbegeisterung und das Gegenteil davon

Letzte Woche habe ich an ein und demselben Tag die zwei Gesichter der Amerikaner kennengelernt, was den Sport angeht: absolute Begeisterung und das Gegenteil davon - Sport-un-begeisterung!

Teil 1: Sport-un-begeisterung - Fahrrad fahren als Ereignis

Teil 1 meiner Geschichte dreht sich um den "Cherry Blossom Bike Ride". Das ist eine Fahrradtour vom Rutgers-Campus in den Branch Brook Park, einen großen Park in Newark. Der wurde übrigens im 19. Jahrhundert von Frederick Law Olmsted entworfen, dem Mann, der auch den Central Park in Manhattan und den Prospect Park in Brooklyn gestaltet hat. Im Branch Brook Park gibt es über 4.000 japanische Kirschbäume. Das sind sogar mehr als in Washington, D.C., das für sein jährliches National Cherry Blossom Festival so berühmt ist.

Da ich seit acht Monaten hier auf keinem Fahrrad mehr gesessen bin, kam mir dieses Angebot gerade recht. Außerdem leidet Newark bis auf den Branch Brook Park sowieso an einem Mangel an Natur und da hat es sich sehr verlockend angehört, durch den Park zu fahren. Zusätzlich haben die Organisatoren uns noch mit kostenlosem Fahrradverleih und kostenlosem Mittagessen im Park gelockt. Da juchzt das Herz des armen Studenten in der NYC Area!

Als ich mit Martin und seiner Freundin Mandy am Ausgangspunkt der Tour angekommen bin, war mir schnell klar, dass ohne kostenloses Mittagessen der größte Teil der Teilnehmer wohl nicht aufgekreuzt war. Eine amerikanische Kommilitonin von mir, die ich dort getroffen habe, hat mir stolz erklärt, dass sie nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen ist, seit sie zwölf war. Bis jeder sein Fahrrad hatte, hat es mindestens 30 Minuten gedauert. Für weitere Verwirrung hat bei einigen Leuten wohl die Tatsache gesorgt, dass man die Höhe eines Fahrradsattels verstellen kann. Ich war allerdings positiv überrascht, dass die meisten Fahrräder richtig gute Mountainbikes waren. Die waren sogar besser als mein eigenes Radl zu Hause. Aber dazu muss ich sagen, dass das auch nicht sehr schwer ist. Ich glaube, mein Fahrrad hat schon zehn Jahre auf dem Buckel, weswegen ich auch für alle Strecken, die weiter als 2 Kilometer sind, normalerweise das von meiner Mama nehme.


Während wir die Fahrräder ausgesucht haben, gab es sogar noch mehr umsonst: einen kleinen Rucksack prall gefüllt mit einem Fahrradhelm, einer Trinkflasche und allerlei Flyern zu Newark und zum sicheren Radfahren. A propos sicheres Radfahren. Hier auf dem Campus sieht man ja immer und überall Polizisten, das ist ja nicht ungewöhnlich. Deswegen habe ich mir am Anfang auch nichts dabei gedacht, als dort, wo wir die Fahrräder ausgesucht haben, Polizisten ihre Runden gedreht haben. Als wir dann aber losfahren wollten und sie sich Fahrradhelme und Fahrräder geschnappt haben, die mit "Police" beschriftet waren, und zwei in ein Polizeiauto eingestiegen sind, ist mir langsam ein Licht aufgegangen: Die begleiten uns!

Und schon ging es los. Ein Polizist ist in einem Affenzahn vorausgefahren, damit er vor allen anderen an der ersten Kreuzung ist. Dort angekommen, ist er mitten in der Kreuzung vom Fahrrad gesprungen, hat alle ankommenden Autos aufgehalten und uns wild mit den Armen fuchtelnd über die Straße geleitet. In gewisser Hinsicht war die Polizeibegleitung aber auch nötig, denn manche Teilnehmer hatten offensichtlich nicht verstanden, dass es gefährlich ist, mitten in der Stadt rote Ampeln zu ignorieren, nach links und rechts zu fahren, ohne sich vorher umzuschauen, oder in einem Pulk von Leuten grundlos zu bremsen. Und siehe da, nach noch nicht einmal fünf Minuten mussten wir schon die erste Pause einlegen, weil trotz Begleitung schon die ersten verloren gegangen sind. Immerhin habe ich zwischendurch noch eine interessante, amüsante Entdeckung gemacht: ein Schrottplatz, auf dem nur alte, zerbeulte, in Einzelteile zerfallende Polizeiautos gesammelt werden.


Nach ungefähr zehn Minuten Suche sind die verlorengegangenen Fahrradfahrer auch wieder aufgetaucht und es ging weiter in den Park. Leider war es die letzten Wochen in New Jersey so kalt, dass die meisten Kirschbäume noch nicht geblüht haben. Ein paar habe ich aber trotzdem noch entdeckt.


Als wir im Park angekommen sind, dachte ich, dass jetzt die Radltour richtig losgeht. Da wurde ich aber gleich eines besseren belehrt: Es war schon Lunchtime!


Nach dem Lunch konnte man dann entweder zum zweiten Teil der Tour übergehen und weiter durch den Park fahren oder sich schon auf den Weg zur Uni machen. Über der Hälfte der Studenten hat es anscheinend nach dem ersten Teil schon gereicht, denn die sind schon zurück zur Uni gefahren. Ich bin für den zweiten Teil noch geblieben und habe so einen richtig schönen Teil von Newark zu sehen bekommen. Der Park ist wirklich groß - so lange wie der Central Park, aber nur halb so breit. Er hat einige schöne Gewässer, Brücken und Gebäude in der Nähe, zum Beispiel die Cathedral Basilica of the Sacred Heart, die fünftgrößte Kathedrale der USA. Außerdem stehen direkt am Rand des Parks einige große alte Häuser, die so aussehen, als ob die Leute, die da wohnen, wirklich viel Geld haben.


Auch dieser Teil der Fahrradtour war kürzer, als ich ihn erwartet hatte, und fand immer in Begleitung eines Essex County Sheriffs statt. Kurz vor Ende der Tour gab es dann noch meine persönlichen zwei Highlights des Ausflugs. Eines war, dass es einen kleinen Hügel hinaufging. Das war wirklich nur ein Hügel; den Namen Berg würde es nicht verdienen. Ein Mädchen hat sich damit sehr schwer getan - kein Wunder, denn sie hatte einen der höchsten Gänge drin. Hinter ihr ist dann einer der Polizisten hergefahren und musste ihr erklären, dass man beim Bergauffahren doch besser einen kleineren Gang nimmt - worauf er nur einen fragenden Blick geerntet hat. Highlight Nummer 2: Ein anderes Mädchen hatte offenbar genug vom Fahrrad fahren und wollte nicht mehr zur Uni zurück radeln. Sie fragte den Polizisten: "Mr. Officer, can you give me a ride back home? In a car with a bike rack?"


Obwohl das Wort "Fahrradtour" hier eine andere Bedeutung hat, als ich erwartet habe, war es doch ein netter Nachmittag. Ich bin froh, dass ich jetzt weiß, wo der Park ist, dass er schön ist, und dass ich mir an der Uni kostenlos ein Fahrrad ausleihen kann. Das will ich auch bald machen und dann meinen privaten Cherry Blossom Bike Ride machen - inklusive dann hoffentlich mehr blühender Kirschbäume!

Teil 2: Sportbegeisterung - Eishockey anschauen

Am gleichen Tag am Abend gab es noch ein weiteres sportliches Ereignis, diesmal aber nur passiv: Ich habe mir ein Eishockey-Spiel angeschaut. Seit ich in Amerika bin, wollte ich mir ein richtiges amerikanisches Sportereignis anschauen. Zuerst hatte ich an ein Football-Spiel gedacht, aber dann hat mich meine Mitbewohnerin Megan aufgeklärt, dass die Football-Saison schon vorbei ist. Dann dachte ich mir, Eishockey ist ja auch nicht schlecht, und habe mir Karten für ein Heimspiel der New Jersey Devils gegen die Toronto Maple Leafs im Prudential Center in Newark gekauft. Das Prudential Center ist ein riesiges Stadion - richtig amerikanische Ausmaße eben.


Die ganze Veranstaltung war so richtig amerikanisch, wie ich sie mir vorgestellt habe und wie ich sie haben wollte. Am Anfang vor dem Anstoß (heißt das beim Eishockey auch so?) wurden die kanadische und die amerikanische Nationalhymne gespielt und eine Frau hat live unten auf dem Eis mitgesungen. Dabei sind alle aufgestanden, haben die Hand aufs Herz gelegt und inbrünstig mitgesungen. Und natürlich durfte gutes amerikanisches Essen beim Spiel nicht fehlen.


Bei diesem Spiel habe ich mir einmal mehr gedacht, dass Amerikaner eins wirklich gut können: Entertainment! Eishockey ist an sich schon sehr unterhaltsam, weil es so schnell und spannend ist. Dann gibt es dazu aber noch überall bunte Leuchttafeln und Cheerleader, die in jeder Unterbrechung tanzen.


In der ersten Pause durfte die Nachwuchsmannschaft der New Jersey Devils aufs Eis und ein bisschen spielen. Mit den dicken Anzügen und der ganzen Schutzausrüstung waren die kleinen Jungen fast so breit wie hoch - sehr süß und witzig. Und in der zweiten Pause wurden drei Leute aus dem Publikum für ein Gewinnspiel ausgewählt. Sie bekamen vom New Jersey Devil, dem Maskottchen, jeweils einen Puck und einen Schläger. Den Puck mussten sie dann so nahe wie möglich an den Mittelkreis schießen, ein bisschen wie beim Eisstockschießen.


Bevor ich vergesse, es zu erwähnen: Die New Jersey Devils haben mit 4:2 gewonnen!

Freitag, 1. April 2011

Lena bricht den Zehnkampf vorzeitig ab

An der letzten Hürde bin ich dann doch gescheitert. Heute habe ich vier wertvolle Stunden meines Lebens damit verbracht, zum DMV zu gehen, um meinen Führerschein zu holen, und bin dann am Ende mit leeren Händen nach Hause gefahren. Dabei liegt das noch nicht mal daran, dass ich durch die Prüfung gefallen wäre. Und leider ist das kein Aprilscherz.

Heute morgen um 7.10 Uhr habe ich mich zusammen mit Martin auf zum Department of Motor Vehicles (DMV) gemacht, um endlich die Theorieprüfung zu machen und den Führerschein zu bekommen. Nachdem ich schon viel anstrengende Vorarbeit geleistet habe, sollte es heute so weit sein. Weil wir schon viel Schlechtes über die Kompetenz der Leute im DMV in Newark gehört haben, sind wir in die Nachbarstadt Jersey City gefahren. Wir wussten zwar nicht, ob es da besser ist, aber einen Versuch ist es ja wert. Um 7.45 waren wir da, öffnen sollten sie um 8 Uhr. Als wir angekommen sind, war schon eine Schlange da - zum Glück nur eine kleine. Das war vielversprechend. Weniger vielversprechend fand ich, dass wir um 8.10 Uhr immer noch draußen im Schneeregen vor verschlossenen Türen standen, obwohl die Mitarbeiter innen schon munter umhergelaufen sind.

Als sie endlich aufgemacht haben, sind wir hineingestürmt und haben der Frau am Empfang gesagt, was wir wollen. Dann sagte sie "Geht nicht". Martin hatte extra vorher im Internet noch nachgeschaut, ob man in Jersey City die Theorieprüfung machen kann. Das geht nämlich nicht bei allen DMVs. Das Internet sagte ja. Was es uns allerdings nicht gesagt hat und was wir dann dort erfahren mussten: Den Theorietest können in Jersey City nur Amerikaner machen; für Ausländer ist eine andere Stelle zuständig. Warum auch immer - ich wüsste nicht, dass wir einen anderen Test machen als die Amerikaner. Die Stelle, zu der wir gehen müssen, ist in Bayonne. Gut, also auf in den Bus nach Bayonne zum nächsten DMV, wo wir leider dann nicht mehr den Bonus haben, früh da zu sein, wenn die Mitarbeiter noch nicht so genervt sind.

Das DMV in Bayonne liegt - sehr vielversprechend - im selben Gebäude wie ein riesiger Dollarstore. Innen war schon die Hölle los. Viele, viele Leute; viele, viele Schalter und viele bunte Pfeile, bei denen nicht wirklich klar war, wo sie hinführen. Anfangs sah noch alles ganz gut aus. Das Anmeldeformular, das wir am Anfang bekommen haben, haben wir beim Schlange stehen ausgefüllt - sehr schlau, dachten wir uns, da spart man sich ein bisschen Zeit. So weit, so gut. Als Martin vor mir drangekommen ist, habe ich schon gehört, dass es ein Problem gibt, aber ich habe von hinten nicht verstanden, was genau ist. Dann war ich dran und habe es gleich erfahren. Sie wollten meinen Pass und mein DS2019-Formular sehen. Genau hier lag das Problem: Offensichtlich gibt es eine Regel, die besagt, dass man keinen Führerschein mehr bekommt, wenn das DS 2019 noch weniger als 60 Tage gültig ist. Auf meinem steht: "Form covers period: August 16, 2010 - May 22, 2011". Das stimmt auch, bis zum 22. Mai sind es noch weniger als 60 Tage. Dass oben auf dem Formular aber steht "Expires July 31, 2011", hat sie nicht interessiert. Sie sagten einfach "Das untere Datum ist das, das wir beutzen". Aha. Ich verstehe, dass die Behörden vielleicht nicht jemandem einen Führerschein ausstellen wollen, der nur noch eine Woche im Land ist. Aber 60 Tage? Außerdem bedeutet das Datum auf dem Formular nicht einmal, dass ich an diesem Tag das Land verlassen muss. Es heißt nur, dass das der Zeitraum ist, in dem Fulbright mich bezahlt. Bleiben kann ich sogar noch bis 21. Juni. Dass mein Visum auch so lange gültig ist, hat sie auch nicht interessiert.

Dann habe ich mich an das erinnert, was ich mir vorher für die Theorieprüfung angeschaut habe: New-Jersey-Gesetze besagen nämlich, dass man hier nur 60 Tage lang mit einem Führerschein aus einem anderen Land oder einem anderen US-Bundesstaat fahren kann. Danach braucht man einen aus New Jersey. Das bedeutet also, dass ich meinen deutschen hier nicht mehr benutzen kann, aber gleichzeitig auch keinen aus New Jersey bekommen kann. Als ich sie dann gefragt habe, wie wir das Problem jetzt angehen, war die Antwort: "Das sind die Regeln; an die müssen wir uns halten. Das geht nicht".

Mein Geduldsfaden ist zu diesem Zeitpunkt schon fast gerissen. Normalerweise wäre ich da schon aus dem Rennen ausgestiegen, aber ich habe mir gedacht, dass das, wenn ich schon die ganze Aufwärmphase und die anderen Disziplinen geschafft habe, auch noch gehen muss. Außerdem bin ich beim Warten vorher schon auf ein Plakat mit dem Mission Statement des DMV aufmerksam geworden. Darauf hieß es, dass einer ihrer "Core Values" lautet: "Creativity - We approach challenges with creativity and flexibility. We are constantly searching for ways to improve how we do business and to create more value for those we serve". Als ich das gesehen habe, habe ich noch scherzhaft zu Martin gesagt: "Das bedeutet also, dass die hier flexibel einfach machen, was sie wollen". Dennoch habe ich mir gedacht, dass es einen Versuch wert ist, ihre Kreativität auf die Probe zu stellen. Ich habe nämlich schon so oft hier erlebt, dass es immer erst heißt "geht nicht", wenn man etwas will, das nicht haargenau bis ins kleinste Detail dem Prozess entspricht, der jeden Tag tausendfach gleich abläuft (Oh ja, da könnte ich Geschichten erzählen! Vor allem von der Uni!).

Ich habe also nach dem Vorgesetzten der Dame gefragt und gesagt, dass ich den gerne sprechen will. Dann hat sie mich zu Schalter 8 geschickt - wahrscheinlich ist das ein Codewort für "Beschwerden von nervigen Leuten, bei denen schon alles zu spät ist". Nachdem der Supervisor den Mann in der Schlange vor mir abgefertigt hat, ist er einfach mal verschwunden. 20 Minuten und drei Nachfragen später stand endlich jemand vor mir - das war allerdings nicht der Supervisor, der vorher da war, sondern eine andere Frau, die bestimmt nur von einem der Schalter nebenan kurz gekommen ist. Ich habe ihr also mein Problem geschildert. Dann hat sie genau den gleichen Zettel rausgekramt, den die andere vorher schon hatte, auf dem das mit den 60 Tagen steht. Gleiche Antwort: "Geht nicht". Der Höhepunkt der ganzen Episode war, als ich sie dann gefragt habe: "Ja, wenn ich mit dem deutschen Schein nicht fahren darf und keinen amerikanischen bekomme, wie fahre ich denn dann?" Die Antwort: "Dann fährst du eben nicht". Ganz klasse. Mit der Creativity und Flexibility aus dem Mission Statement ist es also nicht weit her. Ich glaube nicht, dass schon jemals jemand diesen Schalter verlassen hat und das Problem, das er hatte, gelöst war. Wahrscheinlich bekommen DMV-Angestellte einen Bonus für jede Person, die sie unverrichteter Dinge wieder wegschicken können.

Für meine Westküstenreise bleibt mir also jetzt nur noch übrig, den internationalen Führerschein zu verwenden, den ich glücklicherweise habe. Und wenn ich dann kontrolliert werde, zu hoffen, dass der Polizist nicht weiß, dass der eigentlich nur für Touristen gedacht ist und nicht gültig ist, wenn man mit einem Visum in den USA ist. Versucht habe ich ja alles... 

Und die Moral von der Geschicht': Ein Besuch beim DMV lohnt sich nicht!

Sonntag, 27. März 2011

Klein Lena macht den Führerschein - oder: Der Bürokratische Zehnkampf

Fast sechs Jahre nach meinem Führerschein in Deutschland muss ich noch mal ran: Langsam wird es wirklich Zeit für den New-Jersey-Führerschein! Den wollte ich mir schon seit August holen, aber mich hat der bürokratische Aufwand bisher immer noch effektiv davon abgehalten. Um den Führerschein zu bekommen, muss man nämlich nicht nur fahren können, sondern auch noch sein Geschick im bürokratischen Zehnkampf beweisen.

Es geht damit los, dass den Behörden in New Jersey ein Pass offenbar nicht genug ist, um zweifelsfrei meine Identität zu beweisen. Zusätzlich muss man noch zwei weitere Identitätsnachweise bringen, zum Beispiel einen Ausweis oder einen Studentenausweis mit Foto. Außerdem braucht man noch - wie irgendwie für alle offiziellen Stellen in den USA - einen Proof of Address, damit die Führerscheinstelle auch ja weiß, wo ich wohne. Dann braucht man noch das DS-2019 (alle Fulbrighter und USA-Erfahrenen, die das lesen, werden wissen, wovon ich spreche und mit den Augen rollen), ein Dokument, dessen Sinn ich noch nicht ganz verstanden habe. Ich glaube, es soll ein weiterer Nachweis sein, dass ich mich legal in den USA aufhalte.

Hat man das beisammen, kann man sich leider noch immer nicht auf den Weg zum DMV (Department of Motor Vehicles) machen. Als nächstes musste ich vom International Student Office einen Brief beantragen. Auf dem steht nichts weiter, als dass ich gerne einen Führerschein machen will und dass sie jede Hilfe, die mir dabei zukommt, zu schätzen wissen. Aha... Den Sinn dieses Briefs habe ich auch nicht verstanden. Das ist ein vorgefertigter Brief, da wird nichts individuell gemacht. Anfangs hieß es, das dauert zwei Tage. Fände ich für den geringen Aufwand, den das bedeutet, auch angemessen. Aber Pustekuchen. Ganze zwei Wochen hat es gedauert, und sogar dann habe ich das Ding nur auf Nachfrage bekommen.

Eigentlich bin ich mir da schon vorgekommen wie Asterix und Obelix im Film "Asterix erobert Rom". Erinnert sich jemand an Aufgabe 8 - das Haus, das Verrückte macht?



Endgültig so gefühlt habe ich mich dann, als ich mich eines Morgens mit Martin zur Social Security Administration in Newark aufgemacht habe. Das ist die nächste Disziplin im Zehnkampf. Als Amerikaner braucht man für den Führerschein seine Social Security Number. Die bekommt man als Ausländer aber nur, wenn man arbeitet - sonst bekommt man ja auch keine Social Security Benefits. Leider kann man aber nicht einfach zum DMV gehen und sagen: "Ich bin ausländische Studentin, arbeite nicht, und deswegen habe ich keine Social Security Number". Die Social Security Administration muss mir bestätigen, dass ich nicht berechtigt bin, so eine Nummer zu bekommen. Deswegen also ab zum Social Security Office. Ein 30-minütiger Fußmarsch bei -10 Grad wohlgemerkt.

Das Gebäude gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Nachdem wir von dem Security Guard an der Vorderseite des Gebäudes zum Seiteneingang geschickt wurden, mussten wir uns zuerst draußen in die Schlange einreihen, in der schon ungefähr 40 Leute vor uns standen. Die Leute haben leider nicht alle in den Eingangsbereich des Gebäudes reingepasst. Deswegen mussten wir draußen warten. Bei -10 Grad wohlgemerkt. Als wir es endlich in das Gebäude geschafft haben, mussten wir noch durch flughafenartige Sicherheitschecks durch. Alles in allem hat es schon mal schlappe 30 Minuten gedauert, bis wir überhaupt erst mal zu der Verwaltungsstelle gehen konnten, zu der wir wollten.

Dort das Übliche: Nummer ziehen und warten. Zwei Schalter waren geöffnet und haben sich mit den lästigen Bittstellern aus der Bevölkerung herumgeschlagen. Irgendwann hat ein dritter aufgemacht - der hat aber gleich wieder geschlossen, nachdem eine Person dran war. Als ich endlich dran war, habe ich dem Beamten am Schalter meine Situation erklärt und ihm gesagt, dass ich so einen Brief von ihm brauche. Seine Antwort: Ob ich den Antrag für eine Social Security Number ausgefüllt hätte? Das müsse man nämlich machen. Dann hat er mir erklärt, dass das normale Vorgehen in meiner Situation sei, diesen Antrag auszufüllen. Der werde dann abgelehnt, weil ich ja nicht arbeite - ach ne. Und damit bekomme man dann diesen Brief. Gleichzeitig war am Schalter neben mir Martin dran. Seine Sachbearbeiterin wollte keinen Antrag sehen. Komisch. Glücklicherweise war der Beamte nett genug, dass er nur meine Dokumente angeschaut hat und mir dann den Brief so gegeben hat. Als ich anschließend meinen Brief mit dem von Martin verglichen habe, haben wir festgestellt, dass die zwar das gleiche aussagen, wenn man sie genau liest, dass sie aber völlig unterschiedlich aussehen und formuliert sind. Schon interessant, zu sehen, wie zwei Leute, die am gleichen Tag mit den gleichen Dokumenten das Gleiche wollen, etwas Unterschiedliches bekommen.

Am Freitag steht die letzte Disziplin des Zehnkampfs an, das Grande Finale beim DMV. Ich kann nur hoffen, dass ich jetzt auch wirklich alle Dokumente dabei habe, die ich brauche. Ach ja, was ich fast vergessen hätte: Man muss ja auch noch eine Prüfung machen. Vor lauter Bürokratie kann man das ja schnell mal übersehen. Gerade lerne ich also wie eine kleine 17-jährige Lena mit dem Regelbuch auf die Theorieprüfung.

Im Großen und Ganzen fährt man hier genauso wie in Deutschland (ein bisschen wilder natürlich...), aber einige interessante Regeln haben die in New Jersey schon:
  • Der Führerschein ist nur vier Jahre gültig, danach muss man sich einen neuen holen.
  • Nur der Fahrer und der Beifahrer müssen einen Gurt tragen. Für Mitfahrer auf den Rücksitzen gibt es keine Vorschriften.
  • An einer roten Ampel darf man nach rechts abbiegen, außer, wenn ein Schild das verbietet. 
  • An einem Schulbus, der stehen bleibt, darf man nicht vorbeifahren - auch nicht ganz langsam. 
  • Interessanterweise gibt es im Kapitel über richtiges Abbiegen ein Unterkapitel "Stopping for a Frozen Dessert Truck". Das will ich euch natürlich nicht vorenthalten: "When approaching or overtaking an ice cream or frozen dessert truck from either direction, and the truck is flashing red lights and posting a stop signal arm, a motorist must: Yield the right-of-way to any person who is crossing the roadway to or from the truck. Watch out for children and be prepared to stop. Stop, then drive past the truck at a slow speed of no more than 15 mph".
  • "Driving under the influence of alcohol" beginnt erst ab 0,8 Promille. (!!!) 
  • Wenn man eine praktische Prüfung machen muss (muss ich zum Glück nicht), muss man dafür sein eigenes Auto mitbringen.